Heiligtum oder Transportmittel – Der PKW im Wandel der Zeit

OpelDen älteren unter uns ist es noch in guter Erinnerung. Jeden Samstag Nachmittag in den 1960er und 1970er Jahren verschwand der Vater in der häuslichen Einfahrt und widmete sich der intensiven Pflege seines liebsten Spielzeugs, dem Auto.

Ob VW-Käfer, Ford Taunus 17M oder Opel Admiral, das Auto war so etwas wie ein Heiligtum und verdiente deswegen auch bei der Pflege eine besondere Aufmerksamkeit. Die Autowäsche war nicht einfach nur eine Autowäsche, das war schon wie ein Ritual, das nach bestimmten Regeln und einer korrekten Reihenfolge ablaufen musste. Zuerst Dach, Motorhaube, Kofferraumhaube einseifen, waschen, abspülen und dann abledern. Anschließend die Seiten und die Stoßstangen. Dann die Räder und Felgen mit einem kleinen Schwamm. Anschließend alle Fenster von innen und außen putzen. Alle Chromteile mit Politur einschmieren und dann kräftig reiben. Schließlich alle Fußmatten raus und saugen. Selbst Ehemänner, die nicht auf die Idee kamen, auch nur einen Schlag im Haushalt zu tun, wurden hier oftmals zu fanatischen Putzteufeln. Steinschlag im Lack, vielleicht noch mit einer kleinen Delle, das war die Katastrophe schlechthin.

Dieses Heiligtum mit anderen außer den nächsten Angehörigen zu teilen, kam kaum jemandem in den Sinn. Man musste schließlich allen zeigen, man war Autobesitzer. In Bus und Bahn saßen die armen Menschen, die sich eben kein eigenes Auto leisten konnten. Eine Fahrgemeinschaft bilden, das war etwas für Tramper, die meist misstrauisch beäugt mit Pappschildern vor der Brust an Autobahnauffahrten oder Raststätten herumlungerten, um günstig ans Ziel zu kommen.

Nichts scheint sich seit dem geändert zu haben, denn immer noch sichtet man vor allem im täglichen Berufsverkehr kaum einen PKW mit mehr als einem Insassen. Natürlich gibt es auch heute noch Menschen, die ihr Auto mit niemandem teilen wollen, aber die Zeiten haben sich dennoch geändert. Vor allem seit das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Räumen sein Angebot reduziert hat, sind viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit auf das Transportmittel Auto angewiesen. Dabei sind den meisten dieser Menschen die täglichen Staus, die schädlichen Emissionen und die steigenden Kosten ein Dorn im Auge. Viele würden heute gern eine Fahrgemeinschaft gründen, ihre Mobilitätskosten zumindest halbieren und ihren Beitrag zum Umweltschutz leisten.

Leider, so bedauern immer noch viele, fänden sie keinen Partner für eine Fahrgemeinschaft. Dabei geht es heute so einfach über das Internet, das inzwischen über 70 Prozent der Deutschen regelmäßig nutzen. Auf der Internetplattform www.pendlernetz.de werden alle Fahrtangebote und Mitfahrwünsche fahrgemeinschaftswilliger Personen übersichtlich aufgelistet gegenübergestellt. Ob Fahrer oder Beifahrer, ob einmal oder regelmäßig, ob Raucher oder Nichtraucher, das System zeigt alles automatisch an. Nur inserieren sollte man schon selber, denn nur der Inserent kann vom Interessenten gefunden werden. Danach kontaktieren die Betreffenden einander einfach über Email oder Telefon und schon kann die gewünschte Fahrgemeinschaft fertig sein. Voraussetzung natürlich: Man verständigt sich über Umwege, Geschwindigkeit und Musik und der Fahrer behandelt sein Auto wie ein Transportmittel und nicht wie ein Heiligtum.

Bild: © Jens Schöninger/ PIXELIO